International
Putins politische KonsequenzialitätWolfgang Braumandl, AFA Wien, über die Person und die Politik des russischen Premiers und designierten Nachfolger von Präsident Jelzin. |
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Die letzten Monate medialer Berichterstattung dominierte der Tschetschenien-Konflikt mit Fokus auf den neuen russischen Präsidenten Wladimir Putin. Rußland wurde für sein militärisches Vorgehen in den westlichen Medien stark kritisiert. Nicht ganz so intensiv war und ist die Kritik westlicher Politiker und Diplomaten. Der OSZE-Gipfel in Istanbul im November 1999 macht deutlich, daß die Diplomatie andere Formulierungen des politischen Diskurses wählt.
Wladimir PutinPutin wurde im August 1999 vom ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin zum neuen Premierminister Rußlands nominiert und von der Duma (russisches Parlament) im ersten Anlauf bestätigt. Seine Karriere begann der heute 47-jährige Präsident beim KGB. Er war im Zuge seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeiten in Deutschland stationiert. Daher beherrscht Putin die deutsche Sprache und gilt auch als hervorrangender Deutschlandkenner. Im Juli 1998 wurde er vom Ersten Präsidenten zum Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ernannt. Putin unterscheidet sich von allen anderen Entscheidungsträgern in Moskau durch seine persönliche und politische Konsequenz. In Verbindung mit seinem Intellekt, seinen Analysefähigkeiten, seinen tendenziell sehr hohen moralischen Ansprüchen, seinem umfassenden Wissen und Informationsstand entsteht eine innerliche Konsequenz, die als "politische Konsequenzialität" zu bezeichnen ist. Seine Zielstrebigkeit bei der Lösung nationaler Probleme im Sicherheitsbereich und bei IWF-Verhandlungen irritieren die westliche Öffentlichkeit. Aber auch die strikte Zurückweisung von IWF-Kreditauflagen oder die politische Einflußnahme des IWF verbietet sich der disziplinierte Staatsmann machiavellischer Prägung. Um Rußland und die GUS regieren zu können, ist Macht, in Verbindung mit einem demokratisch-autoritären Führungsstil, sicherlich kein falscher Ansatz, dessen sich der neue Präsident bewußt ist. Macht ist für Präsident Putin ein Instrument zur Wiederherstellung gesellschaftspolitischer Ordnung; sie ist Mittel zum Zweck, und der Zweck heiligt - im Fall Rußland - das Mittel: Warum gibt es eine militärische Operation in Tschetschenien?Präsident Putin hat in seinem "Zeit"-Interview von einer "antiterroristischen Operation" gesprochen - also nicht von einem "Krieg". Diese Argumentationslinie basiert, nach seinem Dafürhalten, auf der gesellschaftspolitischen Situation, in der sich Tschetscheniens Bürger befinden. Informationen belegen das "umfangreiche internationale Ausmaß an gesetzwidrigen Aktivitäten, die vom Territorium Tschetscheniens ausgehen. Dazu gehören Rauschgifthandel, alle Arten von Schmuggel einschließlich Waffengeschäften, Menschenraub und Menschenschmuggel, die Fälschung von in- und ausländischen Bank- Aslan MaskhadowVerhandlungen sind aber nicht nur wegen Putins Haltung undurchführbar, sondern vielmehr wegen der politischen Handlungsunfähigkeit des tschetschenischen Präsidenten Maskhadow, der von den radikalen islamischen Kräften, wie Shamil Basaajew und Ali-Khattab, gesteuert wird. Der Terrorist Ali-Khattab versuchte sogar im März 1999, ihn durch eine Autobombe zu eliminieren. Maskhadow war, bevor er zum tschetschenischen Präsidenten aufstieg, ebenfalls Anführer einer islamischen Gruppierung. Auch wenn er zu Beginn der Auseinandersetzung mit Rußland die Verhaftung der gesuchten Terroristen zugesagt hätte, so hätte er über keine funktionierende Exekutivgewalt verfügt, welche die Festnahme durchzuführen im Stande gewesen wäre. Putin war über Maskhadows Situation gut informiert, daher erachtete er diplomatische Konfliktlösungsstrategien als eine reine Zeitverschwendung. Diplomatische Bemühungen"Die Zeit" - und das ist für die westlichen Medien bezeichnend - kritisierte das Vorgehen Moskaus insofern, als sie annahm, daß keine diplomatischen Bemühungen zur friedlichen Konfliktlösung unternommen wurden. In den letzten drei Jahren hat Moskau versucht, einen politischen Dialog aufzusetzen. Auf den Vorwurf, sich in den letzten Jahren um Tschetschenien nicht gekümmert zu haben, meinte der jetzige russische Präsident: Korrelierende Interessen?Die offizielle Kritik der EU und der USA ist - trotz des OSZE-Gipfel in Istanbul - als bestenfalls "halbherzig" einzustufen, weil die russische Strategie, so meine These, mit westlichen Interessen korreliert. So verfolgt z. B. die USA eine aggressive Öl-Expansionspolitik (Bau einer Pipeline) im Kaukasus. Die russische Tschetschenien-Politik verfolgt im Vorfeld amerikanische Interessen, weil auch die USA als konsequente Verfechter einer wirksamen Eindämmung islamischer Expansionsbestrebungen gelten: PräsidentenwahlenPutins gut kalkulierte Machtpolitik spiegelt sich in Primakows Ankündigung wider, bei den Präsidentenwahlen am 26. März nicht mehr kandidieren zu wollen. Über die Gründe, die zu dieser Entscheidung Primakows führten, herrscht Unklarheit. Es dürften aber Übereinstimmungen in politischen Fragen, zwischen beiden Politikern, zur Entscheidung Primakows geführt haben. Damit steht die Wahl Putins zum Präsidenten so gut wie fest. Zur Zeit ist Putin nicht nur russischer Präsident, sondern auch Ministerpräsident. Die Frage, wer neuer Premierminister wird, wurde von der russischen Führung noch nicht entschieden. Eine diesbezügliche öffentliche Festlegung ist aber nicht vor dem 26. März zu erwarten. Progressiver PolitikerDer russische Präsident vermeidet öffentliche Auftritt, sofern sich diese nicht unbedingt vermeiden lassen. In seiner reduzierten journalistischen Kommunikation könnte die negative Haltung westlicher Medien ihren Ursprung haben. Putin gilt als ein konsequenter, progressiver Politiker, der auch gegen die öffentliche Meinung erforderliche und unpopuläre Reformen und Politikstrategien implementiert. |